"Die Dicke aus Grünow" | Aktuelle Nachrichten und Informationen

Die Geschichte zur Entstehung des Nasch- und Verweilgartens in Grünow

"Die Dicke aus Grünow"

Die Entsteheung des Naschgartens in Grünow nahm ihren Anfang mit einer Aussage von Karl Funk, einem ehemaligen Grünower (1937-2019).

Karl Funk pflegte in Grünow einen alten, verwilderten Obstgarten, der hinter dem heutigen Spielplatz nahe dem Feuerwehrhaus liegt. Karl bedauerte, dass dieser nicht mehr wirklich genutzt wurde. "Man müsste nochmals etwas aus dem Garten machen", das war sein Spruch.

Diese Aussage von Karl ließ im Verein für Kultur, Umwelt und Natur Grünow/Ollendorf e.V. (kurz: Dorfverein) die Idee reifen, den alten verwilderten Obstgarten wieder einer dauerhaften Nutzung zuzuführen und dies der Gemeindevertretung vorzuschlagen.

Die Idee war, einen öffentlich zugänglichen Obstgarten zu schaffen, der durch die Pflanzung weiterer alter Sorten ergänzt würde. Und es sollten bevorzugt Obstsorten verwendet werden, die auf der Fläche des heutigen Mecklenburg-Vorpommerns ihren Ursprung hatten.

Das war für die Auswahl der Apfelsorten nicht schwer. Es gab genügend alte Sorten, die in Mecklenburg bzw. Neuvorpommern entstanden waren wie z.B. die Doberaner Renette, der Pommersche Krummstiel oder der Mecklenburger Königsapfel.

Anders sah es bei der Auswahl der Birnensorten aus. 80-90 % der Birnen, auch der alten Sorten, die wir heute noch kennen und nutzen, stammen aus Belgien oder Frankreich.

Das war aber nicht immer so:

Früher gab es in Mecklenburg auf jedem Hof Wirtschaftsbirnen, regional entstandene Sorten, die nie in der Literatur beschrieben wurden. Sie wuchsen oft zu mächtigen Exemplaren heran. Sie lieferten relativ kleine Früchte in großer Zahl, die zu Kompott, Mus oder Dörrobst verarbeitet wurden und durchaus eine Rolle in der Selbstversorgung spielten.

Ein Beispiel für eine solche Wirtschaftsbirne ist die gewaltige und alte Jungferbirne, die am Spielplatz in Grünow steht. Sie ist eine Sommerbirne, deren nur kurz haltbaren Früchte gut zu Birnensuppe mit Klößen verarbeitet werden können.

Oder die große Wirtschaftsbirne auf dem Hof der Familie Nadolny, die Honigbirne, deren kleinen Früchte in viel Arbeit geschält werden wollen und die einen leckeren süßen Kompott ergeben.

Bei der Familie Kulow in Grünow stand im Garten eine mächtige Dörrbirne, die Klackerbirne, die leider vor Jahren der Sturm brach. Herr Kulow erzählte, dass man zur Erntezeit um den Baum schön sauber fegte. Dann wurde der Baum geschüttelt und die Klackerbirnen wurden im Ganzen in der Nachwärme des Brotbackofens getrocknet. Herr Kulow berichtete, dass er als Kind ein feuchtes Tuch um den Kopf geschlungen bekam und in den Ofen klettern musste, um die Birnen zu wenden. Vor der Verwendung (z.B. in der Suppe) wurde der Birne nur noch der Stiel abgeschnitten, sie wurde in Gänze verspeist.

Ab etwa 1800 gab es Bemühungen in Deutschland, die Obstsorten zu verbessern. So fanden viele wohlschmeckende Tafelbirnen (= zum Frischverzehr geeignet) aus dem Ausland den Weg zu uns. Auch wenn ihre oft typisch deutschen Namen wie Vereinsdechantsbirne, Gute Luise oder Gute Graue über ihre Herkunft hinweg täuschen.

So fand auch eine besondere Birnensorte den Weg nach Grünow. Der alte Baum war im Dorf zunächst nicht aufgefallen, André Ahlgrimm machte auf ihn aufmerksam. Auffällig an dem hohen und gesunden Baum sind die wohlschmeckenden, großen Früchte, die bis zu 800 g schwer werden können.

Ein älterer Grünower, Günther Görs, kannte den Baum und sagte „Dieser Baum war schon alt als ich jung war und ich bin 75 Jahre alt“. Wie die Sorte hieß, wusste er aber nicht.

Wir wandten uns an den Birnenspezialisten des Pomologenvereins M-V, Jens Meyer. Er kannte die Tafelbirne auch nicht und gab ihr den Namen "Die Dicke aus Grünow". Er nahm die Birne mit auf die internationale Messe der Obstkundler, die EUROPOM 2013, in Hamburg. Aber auch hier war die Sorte unbekannt.

Nachbestimmen angesichts der etwa 3000 in der Literatur beschriebenen alten Birnensorten sei unmöglich, stellte Jens Meyer fest. Ein weiterer Hinweis war erforderlich.

Und diesen Hinweis lieferte Günther Görs: Der Baum stamme aus der Baumschule Hellwig, früher in Woldegk angesiedelt. Ein altes Familienunternehmen, das heute in Neubrandenburg ein Geschäft führt. Die Enkelin kramte für uns auf dem Dachboden alte Verkaufslisten des Großvaters aus den 1930er Jahren hervor. Von den 30 Birnensorten, die dort aufgeführt und damals gehandelt wurden, war Jens Meyer nur eine Sorte unbekannt, die Premices de Marie Lesueur. Nach einem Abgleich war die Identität der Birne geklärt, sie trug den Namen einer französischen Tänzerin und stammte aus Frankreich.

Im Jahr 2012 begann der "Dorfverein" mit Unterstützung der Gemeindevertretung und vieler Bürger einen Nasch- und Verweilgarten mit alten (Mecklenburger) Obstsorten anzulegen.

In gemeinsamen Aktionen wurde der alte, verwilderte Obstgarten wieder in Pflege genommen. Zunächst wurde die Pflaumenplage (Vermehrung über Wurzelausleger) beseitigt und so einige alte Obstbäume frei gestellt: Neben der riesigen Walnuss und der Jungferbirne fanden sich fünf alte Apfelbäume, ein Birnenbaum, Sauerkirschen und Pflaumenbäume.

Diese Sorten wurden um insgesamt 43 neue Obstbäume alter Sorten ergänzt. Neben Äpfeln und Birnen fanden auch alte Kirschen- und Pflaumensorten den Weg in den Garten. Auch die Dicke aus Grünow, die Jungfer- und die Honigbirne konnten veredelt und nachgepflanzt werden. Die Gemeinde stellte das Grundstück zur Verfügung und finanziert 2 x im Jahr eine Mahd sowie den regelmäßigen Schnitt der Bäume. Dafür danken wir sehr herzlich!

Seit der Einrichtung des Naschgartens im Jahr 2012/2013 ruft der "Dorfverein" einmal im Jahr zu einer gemeinsamen Mahd- und Pflegeaktion auf, dem Naschgarteneinsatz, bei dem jeder, der Lust hat, mitwirken kann. Wenn alles "ordentlich" gemäht ist, findet wenige Wochen später in dem Garten die Naschgartenmusik statt, auch einmal pro Jahr. Auch hier sind Gäste herzlich willkommen.

Der Garten ist öffentlich und wir möchten Sie einladen, auch außerhalb der Veranstaltungen, den Nasch- und Verweilgarten mit alten (Mecklenburger) Obstsorten in Grünow zu besuchen. Es ist nichts anderes als eine Streuobstwiese, die frei zugänglich für Besucher ist und mit ihren Sitzmöglichkeiten Muße und Zeit für ein Picknick bietet.

Sie haben die Möglichkeit, sich über alte Obstsorten zu informieren, zu verweilen und natürlich ausgiebig zu kosten. Die Früchte dürfen auch einer privaten Verwendung zugeführt werden. Hier gilt die Faustregel, dass maximal die Hälfte des jeweiligen Behangs gepflückt werden darf, sodass auch etwas für den nächsten Besucher übrig bleibt.

Wir freuen uns auf Ihren Besuch!

Ihr Verein für Kultur, Umwelt und Natur Grünow-Ollendorf e.V.